BILLROTH#

Arzt
Prof. Billroth/Klin.Wochenschrift

Im Prager Tagblatt 1886 wies Prof. Billroth auf einen unhaltbaren Zustand hin, der uns gleichfalls bekannt ist:

Im Interesse einer tüchtigen Schulung der Ärzte hat der Professor Dr. Billroth, der bekannte Gelehrte an der Wiener Universität, eine Schrift erscheinen lassen, in welcher er auch auf den viel beklagten Notstand der ländlichen Distrikte in Österreich zu sprechen kommt: auf den Mangel an Ärzten in denselben. Zwar ist der Mangel nicht überall drückend. In einzelnen Teilen Böhmens, wie in Tirol und Vorarlberg, darf man sogar von einer Überzahl an Ärzten sprechen. Doch handelt es sich hier um jene Gegenden, in welchen in der Tat der Ärztemangel ein sehr fühlbarer ist. Professor Billroth bringt nun diesen Mangel in ursächlichen Zusammenhang mit der mangelhaften Ausbildung der Ärzte. Er sagt: Die chronische Furcht der Regierungen vor Mangel an Ärzten stehe Gesetzen im Wege, welche eine gründlichere Schulung des ärztlichen Nachwuchses herbeiführen würden. Überdies, meint er, sei wiederum das Bewusstsein einer mangelhaften Ausbildung Ursache, dass mancher junge Arzt es vor seinem Gewissen nicht verantworten wolle, in die Landpraxis einzutreten, wo er fern von älteren und erfahrenen Kollegen jeden wie immer gearteten auch den schwierigsten, Krankheitsfall in Behandlung nehmen muss. Die Praxis in einem größeren Ort bringt derartige Bedenken nicht mit sich. Für den Durchschnittsbedarf reiche zur Not das auf der Universität erworbene Wissen aus und für komplizierte Fälle könne man sich bei einem Konsiliarius Rat einholen, könne man einen Spezialisten herbeirufen und habe damit sich selbst und dem Patienten gegenüber seine Pflicht erfüllt. Als Hauptgrund weshalb junge Ärzte nicht gerne auf das flache Land ziehen und sich in einer abgelegenen Gegend unter der Bauernbevölkerung begraben, anerkennt auch Prof. Billroth die wenig lukrative Stellung, die mit einer solchen Landpraxis verbunden ist. Das Bestreben, das erworbene Diplom möglichst gut zu verwerten und sich den weiteren Lebensweg möglichst angenehm zu gestalten, bestimme die jungen Ärzte, ihren Sitz in einer größeren Stadt aufzuschlagen, auf die Gefahr hin, dort eine harte Konkurrenz bestehen zu müssen. Dem hieraus erwachsenen Übelstand könnte nach der Ansicht Billroths begegnet werden, wenn von Seite des Staats- und Landesregierung und der Gemeindeverwaltungen Sorge getragen würde, die materielle Existenz der Ärzte auf dem Land zu erleichtern. Man soll den Arzt stellen, wie den Pfarrer und Lehrer. Durch das Zusammentreten mehrerer Gemeinden eines Tales, eines Bezirkes soll die den Kommunen daraus erwachsende Last verteilt werden. Man möge den Arzt, schlägt Dr. Billroth vor, der sich in einem ländlichen Bezirk niederlasse, ein anständiges Haus zur Verfügung stellen, ihm Gartengründe und Felder zum Nutzgenuss anweisen, ihm wie den Geistlichen und dem Lehrer mit Naturalleistungen unter die Arme greifen, mit einem Deputat an Holz, wohl auch an Lebensmittel, wenn schon ein jährlicher Geldzuschuss nicht beliebt werde. Gegen diese Leistungen von Seite der Gemeinden hätte dann der Arzt die Armen seines Sprengels unentgeltlich zu behandeln. Auf diesem Weg könnte dem Ärztemangel auf dem Land auch bei Aufrechterhaltung der ärztlichen Freizügigkeit entgegengearbeitet werden. Ein anderes Mittel wäre die früher in vielen deutschen Staaten beliebte Einrichtung, die Freizügigkeit der Ärzte zu beschränken. In vielen Staaten Deutschlands setzte man die Ärzte als eine Art von Staats- oder Gesellschaftsbeamten auf. Man teilte das Land je nach der Bevölkerungszahl in ärztliche Kreise. In je einem solchen Kreis durfte nur ein Arzt sein; nur in Städten über 10.000 Einwohner herrscht freies Niederlassungsrecht. Ein junger Arzt konnte die Konkurrenz in einer Stadt versuchen; das führte ihn nur sehr langsam oder nie zum Ziel; meist stellte er sich der Regierung zur Verfügung und musste mit dem Anbringen seiner Weisheit warten, bis eine Stelle in einem ärztlichen Kreis frei wurde. Von da konnte er versetzt werden. Ancienität und Protektion spielten dabei, wie in allen ähnlichen Verhältnissen, eine mächtige Rolle. In Frankreich hat jedes Departement seine Ecole de médecine, welche etwa unseren früheren Chirurgenschulen entsprechen dürfte.

Professor Billroth schwärmt übrigens nicht für die Ausbildung eines ärztlichen Personals untergeordneter Kategorie, was bei uns in Österreich auf die Wiederherstellung der Chirurgenschulen hinauslaufen würde, welche ehedem bestanden haben und für deren Wiedereröffnung seit Jahren immer wieder Stimmen sich erhoben haben, als für ein Mittel, dem, Mangel an Ärzten auf dem flachen Land entgegen zu arbeiten. Billroth spricht sich vielmehr entschieden gegen das Wiedereröffnen der chirurgischen Officinen und die Wiedereinführung der Bader mit ihren Aderlass- und Schröpfstuben aus. „Wie haben jetzt“ - schreibt er - „nicht nur sehr gewichtige Zweifel an der segensreichen Wirkung dieser wundärztlichen Kuren, sondern haben Grund genug zur Annahme, dass durch die mangelhafte Reinigung der Lanzetten, Aderlass- und Schröpfschnepper, sowie durch die wiederholte Nutzung eines blutigen Badewassers Krankheiten oft genug den Gesunden eingeimpft wurden und so die oft kolossale Verbreitung dieser Krankheiten im Mittelalter zu erklären ist. Die Versimpelung in altdeutscher Renaissance scheint es mit sich zu bringen, dass auch diese Zustände wieder herbei gewünscht werden.

Die alten Wundärzte wieder ins Leben zu rufen und ihnen Freizügigkeit und unbedingtes Praxisrecht zu gestatten, würde keineswegs eine Verteilung derselben auf dem Land zur Folge haben, sondern nur dazu führen, dass sie versuchen würden, den Ärzten in den größeren Städten Konkurrenz zu machen-

Als 1870 alle, die irgend etwas konnten oder wussten, in high spirits dem Kriegsschauplatz zuflogen, habe ich mit einigen dieser Heilgehilfen in Weißenburg zusammen gearbeitet und denke noch immer gerne an diese eifrigen Menschen. Da bei den ausgedehnten humanitären Wirken der geistlichen Orden bei uns in Österreich die Entwicklung von weltlichen Samariter Vereinen und weltlichen Pflegerinnen Schulen sehr schwierig ist, weil erstere einen großen Teil der Männer und Frauen absorbieren, welche den Beruf in sich fühlen, nur den höchsten idealen Zielen nachzustreben – so sollte man doch ernstlich in Erwägung ziehen, ob es nicht zweckmäßig wäre, das preußische System der „Heilgehilfen“ ins Leben zu rufen, dieselben würden dann die früheren Patroni chirurgiae auf dem flachen Land und im Gebirge nach und nach ersetzen können, wobei man ihnen ihre Kompetenz auf die erste Hälfte einschränken müsste, so dass sie die Tätigkeit der Ärzte nicht hindern, sondern unterstützen würden.“

QUELLE:Prager Tagblatt, 2. Oktober 1886, Auszüge S 1 und 2. Bild: Wr. Klinische Wochenschrift 15. Februar 1894 S 22, ANNO Österreichische Nationalbibliothek

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